Infrarottherapie für Lipödem gibt es mittlerweile in Leggins, Massagebürsten, Lampen, Kabinen oder sogar Lymphomaten. Die Wirksamkeit ist jedoch nicht klinisch erwiesen.
Was ist Infrarottherapie überhaupt?
Infrarot ist eine Strahlung, die unser Auge nicht erfassen kann, unser Körper aber als Wärme wahrnimmt. Abseits der Lipödem-Behandlung kennen wir es in Heizungen, Fernbedienungen und der guten alten Rotlicht-Lampe bei Erkältungen - alle wirken allerdings unterschiedlich.
Im Lipödem-Kontext finden wir häufig zwei Wirkungsprinzipien: Einerseits die Wärme, die Gefäße weitet und Schmerzen lindern kann. Andererseits die Stimulierung der Mitochondrien, also eine gesteigerte Energieversorgung der Zellen und weniger oxidativer Stress.
FIR, NIR, IR-A: Infrarot ist nicht gleich Infrarot!
Auf Social Media und in Onlineshops explodieren gerade förmlich die Angebote und alle sprechen von Infrarot. Aber es gibt hier sehr wichtige Unterschiede:
Klassische Rotlichtlampe (IR-A, IR-B):
- sie macht hauptsächlich warm, dringt aber nicht tief ins Gewebe ein
- damit sorgt die für Entspannung, stimuliert aber keine Photobiomodulation
Moderne Rotlicht-Panels (NIR):
- gilt als “kaltes Licht”, das in den Mitochondrien absorbiert wird
- das führt zu mehr Zellenergie, weniger oxidativem Stress und kann auf die Entzündungsmarker wirken
Ganzkörper Infrarotkabine (FIR oder IR-A, IR-B, IR-C)
- strahlt Hitze auf den gesamten Körper und regt damit Kreislauf und mögliche Entgiftungsprozesse über die Haut an
- diese hohen Temperaturen kann die Lymphlast allerdings verschlimmern
Leggins und Sportbekleidung (FIR)
- reflektiert Körperwärme über spezielle Bio-Keramik-Partikel im Stoff
- da es keine aktive Energiequelle ist, ist Wirkdosis auch extrem niedrig
Was sagt die Studienlage zu Infrarot bei Lipödem?
Die Heilversprechen wachsen häufig schneller als die Studienlage hinterher kommt. Viel wird hier über Reduzierung der Cellulite, Fettabbau, Schmerzlinderung und Co. gesprochen. Alles unheimlich verlockend, leider aber bisher weder bestätigt noch widerlegt.
Eine Übersichtsarbeit im npj Metabolic Health and Disease Journal stuft die Photobiomodulation bei Lipödem 2026 noch als sehr experimentell ein. Das erklärt vermutlich, warum bisher weder in der S2k-Leitlinie für Lipödem noch in den 5 Säulen der konservativen Therapie von Infrarottherapie die Rede ist.
Aktuelle Studien:
- Pilotstudie mit Hinweisen auf entzündungsreduzierende Effekte im Gewebe - teilgenommen haben 3(!) Patientinnen. [Quelle: Research Square, 2025]
- Studien liefern uneinheitliche Ergebnisse zur Fettreduktion bei Adipositas (nicht Lipödem!) [Quelle: Springer/Lasers in Medical Science, 2022]
- Studie zu FIR-Sportkleidung (Emana-Garn) an Sportlern zeigte keine signifikanten Unterschiede in Umfang, Sprungkraft oder Leistung [Quelle: ResearchGate/Loureiro et al., 2016]
Wie hilft Infrarot bei Lipödem?
Was realistisch ist:
- Es kann kurzfristig Schmerzlinderung durch die Tiefenwärme verschaffen. Gerade bei den “Wachstumsschmerzen” in den Knien. Eine Wärmflasche oder ein warmes Bad, haben aber die gleiche Wirkung wie Omas Rotlichtlampe.
- Die Entspannung und das Wohlgefühl, kann zu Endorphin-Ausschüttung führen und damit das Stressmanagement unterstützen. Somit ist es Teil der Selfcare.
Was Infrarot nicht kann (zumindest nicht bewiesenermaßen):
- Lipödem heilen
- Lipödem-Fett dauerhaft reduzieren
- Manuelle Lymphdrainage oder Kompression ersetzen
- Die Erkrankung stoppen oder die Entwicklung aufhalten
Wo Infrarot bei Lipödem sogar kritisch werden kann
- Lipödem-Beschwerden verschlimmern sich häufig bei Hitze. Gerade klassische Infrarotkabinen können Schwellungen und Spannungsgefühle eher verstärken.
- Nach Liposuktionen kann es zu Heilungsstörungen kommen, daher ist eine Pause von mindestens 4-6 Wochen ratsam (oder in Absprache mit deinem Arzt)
- Nicht anzuwenden ist Infrarot außerdem bei akuten Entzündungen, Thrombose, Diabetes und Blutgerinnungsstörungen. Also Achtung bei Begleiterkrankungen!
- Zwei sekundäre Effekte: IR-A kann die Hautalterung beschleunigen und sämtliche Gadgets gehen natürlich arg ins Budget. Geld, das bei evidenzbasierten Therapien deutlich besser angelegt ist.
Das solltest du beachten, wenn du Infrarottherapie probierst
Wie immer gelten zwei Grundprinzipien: höre auf deinen Körper und sprich im Zweifel mit medizinischen Fachpersonal. Natürlich kannst du Infrarot-Panels oder Leggins für dich ausprobieren, manchmal gibt es ja auch Geräte zum Verleih. Achte dabei immer darauf, wie sich dein Körper anfühlt und starte behutsam.
Um festzustellen, ob es dir im Lipödem-Selbstmangement tatsächlich Linderung verschafft, lohnt es sich ein Symptom-Tagebuch zu führen. So siehst du, ob sich wirklich etwas tut. Deine bisherige Therapie wie MLD, Kompression und gute Bewegung solltest du dafür auf jeden Fall nicht vernachlässigen.
Fazit
Leider ist auch mit der Infrarottherapie immer noch kein Wundermittel gegen Lipödem gefunden. Zumindest ist noch nichts davon mit Studien belegt. Vielleicht verändert sich das in den kommenden Monaten und Jahren - das öffentliche Interesse ist auf jeden Fall da.
Bis dahin gilt: probiere es sanft für dich aus und reflektiere mit einem Symptomtagebuch die tatsächliche Wirkung. Selbst, wenn sich die erstmal nur im Wohlfühleffekt bemerkbar macht.
FAQs
Um Infrarot und Lipödem ranken sich eine Hypes. Was ist da wirklich dran?
Nach aktuellem Stand gibt es keine belastbare Studie, die das beweist. Sie steht in der Lipödem-Forschung offiziell als „experimentell" eingestuft. Wohlfühleffekt durch Wärme ist möglich, ein echter Therapieeffekt auf das Lipödem-Fett ist nicht belegt.
Bei moderater Anwendung in der Regel nicht, aber Hitze kann Schwellungen verstärken, und bei akuten Entzündungen, Herzerkrankungen, Thrombose und Co. solltest du auf Infrarot verzichten. Klare Absprache mit deiner Ärztin ist wichtig.
Sehr unwahrschienlich. Eine kontrollierte Studie an Sportlern fand keine messbare Umfangreduktion durch FIR-Kleidung. Die Versprechen vieler Hersteller sind durch unabhängige Studien aktuell nicht gedeckt.
Die Rotlicht-Panels mit NIR-Strahlung erzeugen nicht den klassischen Wohlfühleffekt durch Wärme, sondern wirken auf Zellebene. Dort können sie Stress reduzieren und Energie ankurbeln.





